Videoaufnahme eines Fussballspiels für die Videoanalyse
Videoaufnahme eines Fussballspiels für die Videoanalyse

Was ist Videoanalyse im Sport?

Videoanalyse ist ein Teil der Leistungsanalyse (engl. Performance Analysis). Die Sportwissenschaft beschreibt damit die systematische Beobachtung von Spielhandlungen anhand vorher festgelegter Kategorien, damit Trainerteams objektive Informationen statt Erinnerungen haben (Hughes & Franks, 2004).

Drei Begriffe tauchen dabei immer wieder auf:

  • Spielanalyse: die Auswertung von Spielen – des eigenen Teams oder des Gegners.
  • Tagging (Codierung): das Markieren von Szenen nach Kategorien, z. B. „Ballverlust“, „Torabschluss“, „Pressing“.
  • Leistungsindikatoren: messbare Merkmale, die zur eigenen Spielidee passen und Leistung beschreiben (Hughes & Bartlett, 2002).

Eindruck oder System? Jedes Trainerteam beobachtet Spiele – die Frage ist, wie. Lames (1994) unterscheidet drei Verfahren: die subjektive Eindrucksanalyse, das Scouting und die systematische Spielbeobachtung. Bei der Eindrucksanalyse gibt es keine festgelegten Schwerpunkte oder Kriterien. Sie ist schnell gemacht, liefert aber subjektive und kaum verlässliche Ergebnisse. Die systematische Spielbeobachtung legt vorher fest, worauf geachtet wird: technisch-taktisches Verhalten einzelner Spieler, von Gruppen und der ganzen Mannschaft sowie Häufigkeit und Umfang von Basisaktionen wie Passen, Dribbeln oder Abschluss. Erst dieser Schritt macht aus Video eine Analyse.

Aufnahme, Tagging, Auswertung und Teilen in einer Videoanalyse-Software
Aufnahme, Tagging, Auswertung und Teilen in einer Videoanalyse-Software

Warum Videoanalyse? Was die Forschung sagt

Das Gedächtnis trügt. Qualifizierte Fußballtrainer gaben in einer Studie trotz eigener Notizen nur rund 59 % der kritischen Ereignisse einer Halbzeit korrekt wieder (Laird & Waters, 2008). Franks und Miller (1991) zeigten: Die Erinnerung verbesserte sich durch strukturiertes Beobachtungstraining – bloßes Videoschauen reichte nicht.

Videofeedback unterstützt Lernen. Ein systematisches Review mit 11 Studien fand, dass Videofeedback das motorische Lernen meist verbessert und in 7 von 8 direkten Vergleichen wirksamer war als rein verbales Feedback (Mödinger, Woll & Wagner, 2022).

Im Leistungssport ist sie Standard. In einer Befragung von 46 Elite-Trainern erhielten 68 % nach jedem Spiel das Spielvideo oder geschnittene Clips (Wright, Atkins & Jones, 2012). Mit erschwinglicher Software ist dieselbe Arbeitsweise heute auch im Amateur- und Nachwuchssport möglich.

Welche Arten von Videoanalyse gibt es?

  • Spielanalyse (eigenes Team): Stärken und Schwächen erkennen – Wo verlieren wir Bälle? Wie entstehen unsere Chancen? Live oder nach dem Spiel.
  • Gegneranalyse: Gegner vorbereiten – Wie baut der Gegner auf? Welche Standards spielt er? Vor dem Spiel.
  • Taktikanalyse: Spielidee überprüfen – Funktioniert unser Pressing? Stimmen Abstände und Laufwege? Nach Spiel und Training.
  • Individual- und Technikanalyse: Einzelspieler entwickeln – Wie ist die Wurf- oder Schusstechnik? Welche Entscheidungen trifft die Spielerin? Training, nach dem Spiel.
  • Torwartanalyse: Torhüter gezielt entwickeln – Stellungsspiel, Paraden, Spieleröffnung. Nach dem Spiel.
  • Trainingsanalyse: Übungen bewerten – Wird im Training umgesetzt, was wir im Spiel brauchen? Im und nach dem Training.

Qualitativ, quantitativ oder beides? Die drei Analyseansätze

  • Qualitative Analyse (Video): Spielsequenzen werden nach einem Spielanalysemodell definiert, getaggt und nach Kriterien beurteilt. Vorteil: anschauliches Feedback und Lernmaterial. Nachteil: Die Beurteilung hängt vom taktischen Verständnis ab – Kriterien müssen klar definiert sein.
  • Quantitative Analyse (Zählen): Definierte Aktionen wie Pässe, Zweikämpfe oder Abschlüsse werden gezählt und in Quoten umgerechnet, im Profibereich bis hin zu Modellen auf Basis von Positionsdaten. Vorteil: objektive Zahlen. Nachteil: Die Aussagekraft ist begrenzt – eine Passquote sagt wenig darüber, ob der Pass das Spiel weitergebracht hat.
  • Semi-qualitative Analyse (videobasierte Merkmalsquantifizierung): Szenen werden erst im Video beurteilt und dann gezählt und ausgewertet. Vorteil: Durch viele vergleichbare Szenen sinkt das Risiko zufälliger Fehlschlüsse. Nachteil: Wer andere taktische Annahmen hat, beurteilt Szenen anders – deshalb braucht das Trainerteam gemeinsame Definitionen.

In der Praxis werden qualitative und quantitative Zugänge meist kombiniert (Memmert, 2022). Für die meisten Teams ist der semi-qualitative Weg der praktikabelste: Mit einem Tagging-Panel markierst Du Szenen und siehst gleichzeitig, wie oft sie vorkommen.

Wie läuft eine Videoanalyse ab? In 6 Schritten

  1. Ziel und Leistungsindikatoren festlegen. Was willst Du wissen – kurzfristig für das nächste Spiel, mittelfristig zu wiederkehrenden Schwächen oder langfristig zur Entwicklung der Mannschaft? Grundlage ist ein Spielanalysemodell, das Deine Spielidee abbildet: zeitlich nach Spielphasen (eigener Ballbesitz, gegnerischer Ballbesitz, Umschalten, Standards) und räumlich nach Zonen (z. B. Zone vor dem eigenen Tor, neutrale Zone, Zone vor dem gegnerischen Tor; Zentrum und Außenbahnen). Weniger, aber passende Kategorien bringen mehr als viele.
  2. Aufnehmen. Stabile, erhöhte Position mit Blick aufs ganze Feld – etwa auf einem hohen Stativ oder Kameramast. Tablet, Smartphone, Actioncam oder automatisches Kamerasystem.
  3. Taggen – live oder danach. Szenen mit einem Tagging-Panel markieren. Jede Kategorie braucht eine klare Definition, damit alle im Trainerteam gleich taggen; Zuverlässigkeit sollte man im Team prüfen (O’Donoghue, 2007).
  1. Auswerten. Szenen nach Kategorien filtern, Playlists bilden, Häufigkeiten und Muster erkennen.
  2. Feedback geben. Wenige ausgewählte Szenen, ein konkreter Hinweis, Fragen an die Spieler. Wie Videofeedback ankommt, hängt von Kontext und Präsentation ab (Groom, Cushion & Nelson, 2011).
  3. Ins Training übertragen. Erkenntnisse direkt in die nächste Trainingsform übersetzen – und in der nächsten Analyse überprüfen. Dabei lohnt sich die Frage: Arbeiten wir an Defiziten oder bauen wir Stärken weiter aus? Beides ist legitim, sollte aber eine bewusste Entscheidung sein.

Was brauchst Du für Videoanalyse?

Spielszenen mit dem Tagging-Panel in ATHLYZER markieren
Spielszenen mit dem Tagging-Panel in ATHLYZER markieren
Videoaufnahme kabellos vom Tablet in ATHLYZER übertragen
Videoaufnahme kabellos vom Tablet in ATHLYZER übertragen
  • Software: zum Taggen, Zeichnen, Bilden von Playlists und Teilen.
  • Zeit und Routine: Ein festes Schema und Live-Tagging verkürzen die Nachbereitung deutlich.

Videoanalyse im Amateur-, Nachwuchs- und Leistungssport

  • Amateur- und Nachwuchssport: Hier lohnt sich ein schlankes Vorgehen: ein Thema pro Woche, kurze Clips, viel Beteiligung der Spieler. Jüngere, weniger erfahrene Spieler profitieren laut Forschung weniger stark von Video als ältere – kurze, fokussierte Szenen sind hier besonders wichtig (Mödinger et al., 2022).
  • Leistungssport: Gegneranalyse, Live-Analyse an der Bank, individuelle Clips für jeden Spieler.
  • Hochschule und Lehre: Videoanalyse als Werkzeug in Studium und Sportwissenschaft.
  • Para- und Gehörlosensport: Video kann Kommunikation ergänzen, wo verbale Hinweise an Grenzen stoßen.

Videoanalyse nach Sportart

Datenschutz: Was ist bei Videoaufnahmen im Verein zu beachten?

Videoaufnahmen von Spielern sind personenbezogene Daten. Vereine sollten vorab Einwilligungen einholen – bei Minderjährigen in der Regel auch der Erziehungsberechtigten –, transparent machen, wofür Aufnahmen genutzt werden, und sie sicher speichern. Einen Aushang zur Information an Spielstätten findest Du hier: DSGVO-Aushang (PDF). ATHLYZER speichert Daten auf Servern in Deutschland und arbeitet DSGVO-konform. Hinweis: Das ist keine Rechtsberatung.

Häufige Fehler bei der Videoanalyse

  1. Alles taggen wollen. Zu viele Kategorien kosten Zeit und verwässern die Aussage.
  2. Kategorien ohne Definition. Jeder taggt etwas anderes – die Zahlen werden wertlos. Selbst erfahrene Trainer deuten dasselbe Video oft unterschiedlich (Furley et al., 2025).
  3. Das ganze Spiel zeigen. Spieler verlieren den Fokus; wenige Szenen wirken stärker.
  4. Nur Fehler zeigen. Gelungene Aktionen stärken Selbstvertrauen und Klima.
  5. Analyse ohne Konsequenz. Erkenntnisse, die nicht im Training landen, verpuffen.
  6. Kamera mit Analyse verwechseln. Aufnahme ist der Anfang, nicht das Ergebnis.
  7. Zufall überbewerten. Eine einzelne Szene kann Glück sein: In einer Analyse von 7.263 Premier-League-Toren war bei 46 % der Zufall beteiligt (Wunderlich, Seck & Memmert, 2021). Achte auf wiederkehrende Muster, nicht auf Einzelszenen.

Häufige Fragen

Was kostet Videoanalyse im Sport?

Für den Einstieg reichen ein Smartphone oder Tablet auf einem Stativ und eine Analyse-Software. ATHLYZERteam gibt es in drei Paketen (Rookie, Professional, Expert) ab 33 € pro Monat bei jährlicher Abrechnung; für Einsteiger und mobile Nutzung gibt es die schlankere Variante miniATHLYZER. ATHLYZERteam lässt sich 30 Tage, miniATHLYZER 7 Tage kostenlos testen, ohne Kreditkarte. → Preise

Wie viel Zeit kostet eine Videoanalyse?

Das hängt vom Umfang ab. Mit Live-Tagging während des Spiels und einem festen Schema bleibt für die Nachbereitung vor allem die Auswahl der Szenen.

Brauche ich eine teure Kamera?

Nein. Wichtiger als die Kamera sind eine stabile, erhöhte Position – zum Beispiel auf einem hohen Stativ oder Kameramast – und eine klare Fragestellung. → Mehr erfahren

Ab welchem Alter ist Videoanalyse sinnvoll?

Auch im Nachwuchs – mit sehr kurzen, fokussierten Clips. Ältere und erfahrenere Spieler profitieren laut Forschung stärker.

Was ist der Unterschied zwischen Videoanalyse und Spielanalyse?

Spielanalyse ist die Auswertung von Spielen – Videoanalyse ist das Werkzeug, mit dem sie heute meist gemacht wird. Videoanalyse wird auch im Training und für Technik genutzt.

Funktioniert Videoanalyse ohne Internet?

Mit ATHLYZER ja: Die Software arbeitet vollständig offline. Online ist nur nötig, um Videos in der Cloud zu speichern oder Geräte zu synchronisieren.

Glossar

  • Tag: Markierung einer Szene mit einer Kategorie.
  • Tagging-Panel / Schema: die Sammlung der Kategorien, mit denen getaggt wird.
  • Live-Tagging: Taggen während des laufenden Spiels.
  • Playlist: zusammengestellte Szenen, z. B. für eine Besprechung.
  • Leistungsindikator: messbares Merkmal, das Leistung beschreibt.
  • Telestration: Zeichnen direkt ins Video (Laufwege, Räume).
  • Spielanalysemodell: Rahmen, der das Spiel nach Phasen und Zonen gliedert und festlegt, was beobachtet wird.
  • Eindrucksanalyse: unsystematische Beobachtung ohne festgelegte Kriterien.

Fazit

Videoanalyse macht sichtbar, was im Spiel untergeht – und was das Gedächtnis nachweislich nicht festhält. Wer mit einem klaren Ziel, einem einfachen Schema und gezieltem Feedback startet, hat schon nach wenigen Spielen eine belastbare Grundlage für das Training.

Quellen

  • Franks, I. M. & Miller, G. (1991). Training coaches to observe and remember. Journal of Sports Sciences, 9(3), 285–297. https://doi.org/10.1080/02640419108729890
  • Furley, P., Mehta, S., Raabe, D. & Memmert, D. (2025). Objectivity of match analysis in football: Testing the level of agreement between coaches’ interpretations of video data. International Journal of Sports Science & Coaching, 20(1), 45–55. https://doi.org/10.1177/17479541241278603
  • Groom, R., Cushion, C. & Nelson, L. (2011). The delivery of video-based performance analysis by England youth soccer coaches. Journal of Applied Sport Psychology, 23(1), 16–32. https://doi.org/10.1080/10413200.2010.511422
  • Hughes, M. D. & Bartlett, R. M. (2002). The use of performance indicators in performance analysis. Journal of Sports Sciences, 20(10), 739–754. https://doi.org/10.1080/026404102320675602
  • Hughes, M. & Franks, I. M. (Hrsg.) (2004). Notational Analysis of Sport (2. Aufl.). Routledge.
  • Laird, P. & Waters, L. (2008). Eyewitness recollection of sport coaches. International Journal of Performance Analysis in Sport, 8(1), 76–84. https://doi.org/10.1080/24748668.2008.11868424
  • Lames, M. (1994). Systematische Spielbeobachtung (Trainerbibliothek, Bd. 31). Philippka.
  • Memmert, D. (Hrsg.) (2022). Spielanalyse im Sportspiel. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-63444-8
  • Mödinger, M., Woll, A. & Wagner, I. (2022). Video-based visual feedback to enhance motor learning in physical education – a systematic review. German Journal of Exercise and Sport Research, 52, 447–460. https://doi.org/10.1007/s12662-021-00782-y
  • O’Donoghue, P. (2007). Reliability issues in performance analysis. International Journal of Performance Analysis in Sport, 7(1), 35–48. https://doi.org/10.1080/24748668.2007.11868386
  • Wright, C., Atkins, S. & Jones, B. (2012). An analysis of elite coaches’ engagement with performance analysis services. International Journal of Performance Analysis in Sport, 12(2), 436–451. https://doi.org/10.1080/24748668.2012.11868609
  • Wunderlich, F., Seck, A. & Memmert, D. (2021). The influence of randomness on goals in football decreases over time: An empirical analysis of randomness involved in goal scoring in the English Premier League. Journal of Sports Sciences, 39(20), 2322–2337. https://doi.org/10.1080/02640414.2021.1930685